Berditschew Film

BERDITSCHEW FILM

VIDEO AUS DER AUSSTELLUNG

BERDITSCHEW – Film und Ausstellung

In der Ukraine lebten vor dem II. Weltkrieg 2,5 Millionen Juden. Das war die größte je zusammenhängend existierende jiddische Lebenswelt. 1945 war diese Welt zerstört.
 An hunderten von Orten ermordeten die deutschen Einsatzgruppen ca. 1,5 Millionen Menschen.

Am Beispiel von Berditschew lässt sich verdeutlichen, was sie taten.
Berditschew war in den Jahren vor 1941 das Zentrum der jiddischen Kultur in der Ukraine. 20000 Juden lebten mit Beginn der Besetzung durch deutsche Truppen noch in der Stadt. Bei der Befreiung Berditschews im Januar 1944 lebten dort noch 15 Juden. Auf einem abgelegenen Flughafengelände wurden die Menschen zu Tausenden erschossen und verscharrt.

2007 waren wir drei Wochen lang in Berditschew auf Spurensuche. Michael Aronowiysch Wanscheinbeum, Isaak Bakmajew, Ida Isaewna Berson und Bella Moissejewna Reinsdorf, alle Überlebende des Genozids, leben noch heute, 60 Jahre nach der Vernichtung ihrer Welt, in äußerst bescheidenen Verhältnissen in ihrer Heimatstadt.
In sehr persönlichen Begegnungen erzählen die vier Menschen uns nach und nach von dem, was sie damals erlebt haben. Wie ihre Familien ermordet wurden ‒ wie und warum sie selbst überlebt haben.

Sie stellen sich diesen schrecklichen Erinnerungen in dem Wunsch, Spuren zu hinterlassen und den Toten ein Gesicht zu geben, wider das Verharmlosen und das Vergessen.

Hintergrund

Auschwitz ist dokumentiert. Oradour und Lidice sind bekannte Namen. Aber warum wissen wir so wenig über die Massaker der deutschen Truppen in den besetzten Gebieten der ehemaligen Sowjetunion?
Ich arbeite an einem Kunstprojekt, dessen wichtiger Bestandteil ein Dokumentarfilm sein wird. Das Projekt richtet sich vornehmlich an ein junges Publikum. Als Kunstlehrer an der Kurt-Schwitters-Schule weiß ich, dass ein Wissen über die Verbrechen in Weißrussland und der Ukraine kaum vorhanden ist.

Vor siebenundsechzig Jahren ging mein Vater zu Fuß durch Weißrussland und Teile der Ukraine gen Moskau. Er war Soldat der faschistischen Wehrmacht. Er erzählte seinen Kindern später viel von dem, was ihm widerfuhr. Er erzählte auch von den „Schweinereien“, die er unterwegs gesehen hatte. Ohne Entrüstung. Mehr erzählte er nicht.
Ich wollte mehr wissen. Die Bücher, die fünfzig Jahre später und nach dem Fall der Mauer erscheinen, sprechen deutlicher, geben Auskünfte, die mein Vater verweigert: Heinrich Himmler, der Reichsführer SS, hatte schon vor dem Überfall auf die Sowjetunion verkündet, dass ein „Zweck des Russlandfeldzuges die Dezimierung der slawischen Bevölkerung um dreißig Millionen“ sei. Doch an erster Stelle stand der Mord an den Juden. Wehrmacht und SS sollten dabei Hand in Hand gehen.

Mitte August 2007 begann mein Sabbatical. Ich fuhr los. Brest, von da zu Fuß, mit Bus, per Bahn, durch eine weite, magische Landschaft. Dörfer, Städte, Menschen – die Spuren der Mordlawine sind allgegenwärtig.
Ich besuchte den alten jüdischen Friedhof in Berditschew. Die alten Stelen liegen in Trümmern, überwuchert von Gras und Gestrüpp. Am Rande des Friedhofs stehen neue Steine. Nach 1945. Jene die dort begraben sind, haben die Shoah überlebt. Ihre Namen sind in kyrillischen Buchstaben geschrieben. Nur wenige haben einen Zusatz in hebräischen Lettern. Doch die meisten Toten liegen nicht an diesem Ort, erzählt man mir. Ich beginne mich in der Stadt umzuhören.

Berditschew wird für mich zum Beispiel für das, was an Tausenden von Orten und mit Millionen von Menschen geschehen ist.